Warum Meditation manchmal alles schlimmer macht – und was das über dein Nervensystem sagt

Du setzt dich hin, schließt die Augen, willst zur Ruhe kommen. Und dann passiert das Gegenteil: Der Herzschlag wird lauter, die Gedanken drehen sich schneller, irgendwo zieht sich etwas im Brustkorb zusammen. Nach fünf Minuten stehst du unruhiger auf, als du dich hingesetzt hast.

Wenn dir das schon passiert ist, bist du damit nicht allein – auch wenn das in den seltensten Wellness-Ratgebern vorkommt. Dort ist Meditation fast ausschließlich das Werkzeug, das beruhigt. Punkt. Wer dabei Unruhe statt Ruhe erlebt, fühlt sich schnell wie die Ausnahme, die etwas falsch macht.

Ist es das aber wirklich?

Ist es normal, dass Meditation mich unruhiger macht statt ruhiger?

Ja. Unangenehme oder sogar belastende Reaktionen auf Meditation sind in der Forschung ein anerkanntes, wenn auch lange unterschätztes Phänomen – man spricht von „meditation-related adverse effects". Wie häufig das vorkommt, hängt stark davon ab, wie und wen man fragt, aber es ist alles andere als selten.

Eine der größeren Untersuchungen dazu befragte fast 1.000 Menschen in den USA, von denen über 400 regelmäßig meditierten. Rund die Hälfte berichtete von mindestens einer unangenehmen Reaktion wie Angst, dem plötzlichen Wiedererleben belastender Erinnerungen oder starker emotionaler Überflutung. Bei rund einem Zehntel war das so ausgeprägt, dass es den Alltag spürbar beeinträchtigte.

Das ist keine Randnotiz. Das ist ein blinder Fleck in vielen Erzählungen über Meditation.

Was sagt die Forschung zu unangenehmen Meditationserfahrungen wirklich?

Hier wird es interessant – und ein bisschen widersprüchlich. Eine vielzitierte Übersichtsarbeit, die 83 Studien mit über 6.700 Teilnehmenden zusammenfasst, kommt insgesamt auf eine Rate von etwa 8 Prozent. Deutlich niedriger als die 50 Prozent aus der oben genannten Befragung.

Der Grund dafür ist selbst aufschlussreich: In kontrollierten Studien lag die Rate bei unter 4 Prozent, in Befragungen von Menschen, die im Alltag auf eigene Faust meditieren, dagegen bei über 30 Prozent. Kontrollierte Studien laufen meist in einem betreuten, psychoedukativ begleiteten Rahmen ab, in dem schwierige Erfahrungen aufgefangen und eingeordnet werden. Wer allein zuhause mit einer App übt, hat diesen Rahmen nicht – und meldet entsprechend häufiger, dass etwas aus dem Ruder lief. Hinzu kommt: Viele klinische Studien erfassen ausschließlich schwere Zwischenfälle und übersehen dadurch das, was „nur" unangenehm, aber nicht dramatisch ist.

Eine neuere, groß angelegte und repräsentative Untersuchung aus den USA kommt zu einem noch höheren Ergebnis: Ungewöhnliche oder unangenehme Erfahrungen während der Meditation waren darin nahezu die Regel, nicht die Ausnahme – deutlich höher als frühere Schätzungen. Was zählt und wie gefragt wird, verändert das Bild also erheblich. Genau deshalb lohnt es sich, bei der „Meditation hilft immer"-Erzählung genauer hinzuschauen, statt sie unhinterfragt zu übernehmen.

Bemerkenswert ist außerdem, welche Art von Reaktionen am häufigsten auftritt: Angst, gedrückte Stimmung und ein Gefühl von gedanklicher Unschärfe oder Kontrollverlust stehen an der Spitze. Genau die Zustände also, vor denen Meditation eigentlich schützen soll.

Warum reagiert das Nervensystem manchmal genau umgekehrt?

Meditation nimmt dir für ein paar Minuten die äußere Ablenkung weg. Das ist der ganze Punkt der Übung – und genau das kann für ein Nervensystem, das viel im Hintergrund reguliert, zum Problem werden.

Solange du unterwegs bist, arbeitest, organisierst, funktionierst, läuft ein gewisses Maß an Grundaktivierung meist unbemerkt mit. Sie hält dich handlungsfähig. Setzt du dich bewusst still hin, fällt diese Ablenkung weg – und alles, was vorher überdeckt war, tritt in den Vordergrund: der Herzschlag, angespannte Muskeln, Gedanken, Gefühle. Nicht, weil in diesem Moment etwas Neues entsteht, sondern weil plötzlich nichts mehr davon ablenkt.

Für ein Nervensystem, das gelernt hat, dass Wachsamkeit sich lohnt, kann genau dieses Weniger-an-Ablenkung wie Kontrollverlust wirken – und Kontrollverlust wird vom Körper schnell als potenzielle Gefahr eingeordnet.

Ein Zusammenhang, der das erklären hilft, taucht in mehreren der genannten Untersuchungen auf: Wer in der Kindheit belastende oder unvorhersehbare Erfahrungen gemacht hat, hat ein deutlich höheres Risiko für solche unangenehmen Meditationsreaktionen. Wachsamkeit war in solchen Phasen sinnvoll und schützend. Heute zeigt sie sich dann, wenn plötzlich Stille herrscht und nichts mehr davon ablenkt – auch wenn objektiv keine Gefahr besteht.

Ist jede Meditationsform gleich riskant?

Nein – und genau das fällt in den meisten Ratgebern unter den Tisch, weil dort "Meditation" wie eine einzige, einheitliche Sache behandelt wird.

Physiologische Untersuchungen zeigen, dass sich verschiedene Meditationsformen unterschiedlich auf den Körper auswirken. Fokussierte Techniken, bei denen die Aufmerksamkeit bewusst auf einen festen Punkt gerichtet wird – etwa den Atem oder einen systematischen Körperscan – senken in Studien tendenziell die Herzfrequenz und erhöhen Werte, die für eine parasympathische Beruhigung stehen. Offene, weite Achtsamkeitsformen, bei denen bewusst nichts fixiert wird, sondern alles wahrgenommen werden soll, was gerade auftaucht, zeigen dagegen ein gemischteres Bild: In manchen Untersuchungen sinkt zwar der Cortisolspiegel, gleichzeitig steigen aber Werte, die eher für innere Aktivierung als für Beruhigung stehen.

Für die Praxis heißt das: Wenn eine bestimmte Meditationsform bei dir eher Unruhe als Ruhe auslöst, ist das kein Beleg dafür, dass Meditation grundsätzlich nichts für dich ist. Es kann schlicht bedeuten, dass genau diese Form der Aufmerksamkeitslenkung für dein System im Moment zu offen oder zu wenig strukturiert ist – und eine geführtere, engere Form der richtigere Einstieg wäre.

Heißt das, du solltest mit Meditation aufhören?

Nein – und genau hier wird es differenziert statt eindeutig. Ein Detail aus der großen US-Befragung wird oft übersehen: Menschen, die unangenehme Reaktionen erlebt hatten, waren fast genauso häufig froh, überhaupt meditiert zu haben, wie jene ohne solche Erfahrungen (rund 88 Prozent in beiden Gruppen). Unangenehm heißt also nicht automatisch schädlich oder sinnlos.

Was sich daraus eher ableiten lässt: Meditation ist kein Werkzeug, das für jeden Zustand und jeden Zeitpunkt gleich gut passt. Sie wirkt vor allem dann stabilisierend, wenn im Nervensystem bereits eine gewisse Grundsicherheit vorhanden ist. Fehlt diese Basis, kann still sitzen genau das Gegenteil bewirken – nicht, weil du etwas falsch machst, sondern weil dein System in diesem Moment etwas anderes braucht als Stille.

Wer Angst, starkes Wiedererleben belastender Erinnerungen oder anhaltende Überforderung durch Meditation erlebt, sollte das ernst nehmen und sich dafür professionelle Unterstützung suchen, statt es allein „durchzuziehen".

Was du stattdessen probieren kannst, wenn Stille nicht hilft

Wenn Stillsitzen bei dir eher Anspannung erzeugt als sie zu lösen, ist das ein Hinweis, kein Defekt. Ein paar Alternativen, die für ein wacheres Nervensystem oft zugänglicher sind:

  • Bewegung statt Stillstand: Ein zügiger Spaziergang oder bewusstes Gehen gibt dem System Orientierung, ohne dass du direkt nach innen fokussieren musst.

  • Kontakt statt Rückzug: Ein kurzes Gespräch mit einer vertrauten Person kann regulierender wirken als zehn Minuten Schweigen.

  • Struktur statt offener Stille: Eine klare, kurze Abfolge (z. B. bewusst die Umgebung mit den Augen abtasten, Füße am Boden spüren) gibt Halt, ohne die volle Aufmerksamkeit nach innen zu verlangen.

  • Kürzer statt länger: Zwei Minuten mit offenen Augen sind oft zugänglicher als zehn Minuten mit geschlossenen – Sicherheit lässt sich in kleinen Dosen leichter aufbauen als in großen.

Keine dieser Optionen ersetzt Meditation grundsätzlich. Sie zeigen nur: Der Weg zu einem ruhigeren Nervensystem führt nicht bei allen über denselben Eingang.

Am Ende bleibt eine andere Frage

Nicht „Wie schaffe ich es, richtig zu meditieren?", sondern: Was braucht dein Nervensystem gerade wirklich, bevor es überhaupt in der Lage ist, loszulassen? Die Antwort ist bei jedem Menschen ein bisschen anders – und das allein zu wissen, nimmt oft schon einen Teil des Drucks raus.

Quellen

  • Goldberg et al. / Britton et al., Psychotherapy Research (2021) – bevölkerungsbasierte US-Stichprobe zu meditationsbezogenen Nebenwirkungen

  • Farias, Maraldi, Wallenkampf & Lucchetti, Acta Psychiatrica Scandinavica (2020) – systematisches Review, 83 Studien

  • Van Dam et al., Mindfulness/Sage (2025) – große repräsentative US-Stichprobe zu ungewöhnlichen Meditationserfahrungen

  • Schlosser et al., BJPsych Open (2019) – internationale Querschnittsstudie, 1.370 Meditierende

  • Physiologische Vergleichsstudien zu fokussierter vs. offener Achtsamkeitsmeditation (Herzfrequenz, HRV, Cortisol)

HALLO, ICH BIN AUTOR…

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